Kompass als Sinnbild für bewusstes Handeln und die Wahl der eigenen Richtung

Handelst du noch – oder funktionierst du nur?

Michael WolfMichael Wolf·

Du stehst morgens auf und greifst zum Handy, bevor du überhaupt wach bist. Du sagst „ja", obwohl in dir längst ein „nein" steht. Du ärgerst dich über denselben Menschen wie letzte Woche, triffst dieselbe Entscheidung wie immer, nimmst denselben Weg. Den ganzen Tag lang: Handlung auf Handlung auf Handlung.

Und trotzdem bleibt eine Frage merkwürdig unbeantwortet: Wählst du das eigentlich – oder läuft es einfach ab?

Der Mensch handelt

Beginnen wir bei einem Satz, der harmloser klingt, als er ist. Ludwig von Mises, Ökonom der Österreichischen Schule, hat sein ganzes Denken auf ihn gebaut: Der Mensch handelt.

Handeln heißt: Ich setze Mittel ein, um einen Zustand gegen einen anderen zu tauschen, den ich vorziehe. Jede Handlung ist damit eine Wahl – und jede Wahl bedeutet, dass ich etwas anderes stehen lasse. Wer sich für das eine entscheidet, entscheidet sich immer zugleich gegen alles andere.

Das ist der unbequeme Teil: Wo Wahl ist, ist Verantwortung. Es gibt kein Handeln, das mir nur „passiert". Selbst das Nichtstun ist eine Handlung – die Wahl, es beim Alten zu belassen. Man kann der Verantwortung nicht entkommen, indem man nicht wählt. Nicht-wählen ist auch eine Wahl.

Wenn das stimmt, dann trägst du deinen Tag. Jeden einzelnen Schritt. Auch die, bei denen es sich gar nicht nach Entscheidung anfühlt.

Woher kommt das Muster?

Und genau da meldet sich der Einwand, den jeder kennt: So habe ich es doch gar nicht gewählt. Das bin einfach ich.

Hier lohnt ein Blick auf einen Gedanken des Psychologen Alfred Adler. Adler hat gezeigt, dass unsere wiederkehrenden Muster keine Zufälle und keine Charakterfehler sind. Sie sind früh entstandene Antworten auf ein empfundenes „zu wenig" – und sie verfolgen bis heute ein Ziel. Meist ein unbewusstes, oft ein überschießendes.

Das Verblüffende daran: Auch dein altes Muster war schon eine Form von Handeln. Zielgerichtet, sinnvoll, irgendwann einmal die beste verfügbare Lösung. Nur eben eine, die du nie bewusst ausgewählt hast – und die längst nicht mehr zu dem passt, der du heute bist.

Das Muster ist also kein Gefängnis, in das dich das Schicksal gesperrt hat. Es ist eine alte Entscheidung, die weiterläuft, weil niemand sie je zurückgenommen hat.

Eigner statt Besessener

Und damit sind wir bei dem Gedanken, der aus der Beobachtung eine Befreiung macht. Er stammt von Max Stirner.

Stirner unterscheidet zwischen dem, der eine Idee hat, und dem, den eine Idee hat. Die Vorstellungen, Rollen und „so bin ich halt", die dich durch den Tag steuern, sind kein Teil deiner Natur. Es sind fixe Ideen – und was dich besitzt, kannst du dir zurückholen. Aus dem Besessenen wird der Eigner.

Das ist kein Trick und keine Technik. Es ist eine Verschiebung des Standpunkts: Nicht ich bin mein Muster, sondern ich habe ein Muster. In dem Moment, in dem du es als dein Eigentum ansiehst statt als dein Wesen, kannst du es zum ersten Mal in die Hand nehmen. Und was man in der Hand hält, kann man auch anders legen.

Zwei Türme, ein Tag

Man kann diese beiden Gedanken nebeneinanderstellen wie zwei Leuchttürme:

  • Mises: Ich handle, ich wähle, ich verantworte.
  • Stirner: Ich gehöre mir selbst – nicht meinen Mustern.

Der eine sagt dir, dass jeder deiner Schritte eine Entscheidung ist. Der andere gibt dir die Freiheit, diese Entscheidung auch wirklich zu treffen, statt sie an ein altes Programm zu delegieren. Dazwischen liegt nur eine ehrliche Beobachtung: Was läuft hier eigentlich gerade ab – und will ich das?

Das ist kein Programm zur Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, eine bessere Version von dir zu bauen. Es geht darum, überhaupt erst zu sehen, wer da handelt, wenn du handelst. Erfahrung vor Erklärung. Selbstbeobachtung statt Selbstverbesserung.

Vielleicht ist das der eigentliche Anfang von Freiheit: nicht mehr zu funktionieren, sondern hinzuschauen. Nicht als Versprechen. Als Experiment.


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Tags:Selbstbestimmung
Michael Wolf
Michael Wolf

Berater für Informationssicherheit · Bitcoinlighthouse

Seit 2021 helfe ich Menschen dabei, sich durch Open-Source-Lösungen wie Bitcoin, Linux und GrapheneOS unabhängiger zu machen und digitale Sicherheit sowie Souveränität zu erlangen.

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