Liquid Network, Bitcoin, Smart Contracts, Cashu und Fedimint

Warum ich mich in Liquid getäuscht habe

Michael WolfMichael Wolf·

Ich schreibe diesen Text mit etwas Bauchweh, denn ich muss meine eigene Meinung revidieren. Ich habe die Liquid-Sidechain eine Weile als spannende Erweiterung von Bitcoin gesehen und auch positiv darüber geschrieben. Heute sehe ich das differenzierter – und in Teilen schlicht anders. Warum, das möchte ich hier ehrlich aufarbeiten, statt den alten Standpunkt stillschweigend verschwinden zu lassen.

Was mich an Liquid tatsächlich gereizt hat

Ich will fair bleiben: Liquid hat aus Entwicklersicht echte Reize, und die habe ich nicht erfunden.

Die Basisschicht von Bitcoin nutzt bewusst eine eingeschränkte Script-Sprache. Das ist ein Feature, keine Schwäche – aber es macht komplexere Verträge mühsam. Und auch das Lightning Network ist zwar großartig für Zahlungen, stößt bei mehrstufigen Konstruktionen an Grenzen: Ein zeitverzögertes Escrow, bei dem Gelder unter bestimmten Bedingungen freigegeben oder nach Ablauf einer Frist zurückerstattet werden, lässt sich mit reinen Lightning-HTLCs nur umständlich und fragil abbilden.

Genau hier glänzt Liquid auf den ersten Blick:

  • Reichere Skripte über die Elements-Implementierung (mehr Opcodes, Introspection, covenant-artige Konstrukte).
  • Confidential Transactions, die Beträge und Asset-Typen verbergen.
  • Simplicity als formal verifizierbare Vertragssprache am Horizont.
  • Mehrstufige, non-custodial Workflows (Multisig, koordinierte Swaps), die mit PSET/PSBT komfortabel zu bauen sind.

Für jemanden, der Anwendungen baut, klingt das nach genau der Werkzeugkiste, die auf Bitcoin fehlt. Ich habe mich davon mitreißen lassen.

Wo mein Denkfehler lag

Mein Fehler war nicht, die technischen Möglichkeiten zu sehen. Mein Fehler war, den Preis dafür kleinzureden.

Denn Liquid erkauft diese Möglichkeiten nicht mit besserer Kryptografie, sondern mit wiedereingeführtem Vertrauen. Dein „Liquid-Bitcoin" (L-BTC) ist kein echtes Bitcoin, sondern ein Anspruch gegenüber einer Föderation aus 15 Unternehmen, die das hinterlegte BTC per 11-von-15-Multisig verwahren – die Notfallschlüssel liegen am Ende bei Blockstream. Dazu ist Liquid ausdrücklich auch eine Bühne für Stablecoins und tokenisierte Assets, also genau die Gegenpartei-Konstrukte, die ich sonst ablehne.

Die ausführliche Begründung habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben: Warum Bitcoin-Maximalisten die Blockstream-Sidechain meiden.

Der Kern: Bitcoin wurde erfunden, um vertrauenswürdige Dritte überflüssig zu machen. Ich hatte Liquids Programmierbarkeit so stark gewichtet, dass ich diesen einen, entscheidenden Punkt zu leicht genommen habe. Und ich hatte etwas übersehen.

Was sich geändert hat: Cashu und Fedimint schließen die Lücken

Der eigentliche Grund für meinen Sinneswandel ist nicht nur eine Neubewertung – die Landschaft hat sich bewegt. Die Fähigkeiten, für die man früher zu Liquid greifen musste, wandern zunehmend in den ecash-Stack, und der bleibt viel näher an Bitcoin.

Cashu

Cashu ist Chaumian ecash: privates, auf Lightning einlösbares Bitcoin-Bargeld. Lange war es „nur" für einfache Zahlungen gut. Inzwischen kann Cashu deutlich mehr:

  • P2PK (NUT-11): ecash-Token lassen sich an einen öffentlichen Schlüssel binden – inklusive Timelock, sodass ein Token erst nach Ablauf einer Frist wieder freigegeben wird.
  • HTLCs (NUT-14): Token können an einen Hash plus Zeitschloss gebunden werden. Das ermöglicht atomare Swaps und die direkte Kopplung an einen Lightning-HTLC.
  • NutLock & Multisig: Token für eine bestimmte Zeit an mehrere Schlüssel sperren, mit definierter Anzahl nötiger Signaturen und Rückerstattungs-Bedingung – das ist Escrow, nur eben in ecash.

Genau das zeitverzögerte, bedingte Escrow, das mich an Liquid gereizt hatte, lässt sich damit auf einer Ebene bauen, die in Bitcoin denominiert und über Lightning einlösbar ist. Nutshell 0.20 (Anfang 2026) hat die P2PK/HTLC-Validierung weiter gehärtet.

Fedimint

Fedimint bringt föderiertes ecash mit einer Community von Guardians. Für mich entscheidend ist die Modul-Architektur: Neben den Standard-Modulen (Bitcoin, Lightning, ecash) kann man eigene Module schreiben, die neue Transaktionstypen und Konsens-Regeln definieren. Fedimint funktioniert damit wie eine programmierbare Vertragsschicht auf Lightning – inklusive escrow-artiger Contracts – ganz ohne eine separate Chain mit eigenen Token.

Ehrlich bleiben: auch hier steckt Vertrauen drin

Ich will nicht den nächsten Fehler machen und Cashu oder Fedimint als „trustless" verkaufen. Ein Cashu-Mint ist für die dort geparkten Beträge verwahrend, und Fedimint-Guardians sind – wie Liquid – eine Föderation. Der Unterschied ist die Dosierung: ecash ist für kleine, private Alltagsbeträge gedacht, in Bitcoin denominiert und jederzeit über Lightning auslösbar. Du verschiebst nicht deine Ersparnisse auf eine fremde Chain, sondern nutzt eine dünne, Bitcoin-native Schicht für genau die Fälle, in denen sie hilft.

Mein Fazit heute

Ich stehe zu dem, was an Liquid technisch clever ist. Für einzelne Entwickler-Nischen wird es weiter seine Berechtigung haben. Aber mein Standard hat sich verschoben:

  • Programmierbarkeit und Escrow: Lightning plus ecash (Cashu, Fedimint) – nah an Bitcoin, in BTC denominiert, ohne eine Föderation für meine Ersparnisse.
  • Sparen und Zahlen: echtes Bitcoin auf der Basisschicht in Selbstverwahrung, Alltagszahlungen über ein selbstverwahrtes Lightning-Wallet.

Deshalb empfehle ich auch keine Wallets mehr, deren Konzept primär auf Liquid aufbaut. Nicht, weil ich Liquid für „böse" halte – sondern weil die Lücke, die es füllen sollte, gerade von Werkzeugen geschlossen wird, die Bitcoins Kernversprechen treuer bleiben.

Meinungen ändern sich, wenn man dazulernt. Ich finde, das darf man auch offen sagen.

Tags:liquidcashufedimintlightningSelbstverwahrungecash
Michael Wolf
Michael Wolf

Berater für Informationssicherheit · Bitcoinlighthouse

Seit 2021 helfe ich Menschen dabei, sich durch Open-Source-Lösungen wie Bitcoin, Linux und GrapheneOS unabhängiger zu machen und digitale Sicherheit sowie Souveränität zu erlangen.

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