Ruja Ignatova, oft als „Cryptoqueen“ bezeichnet, ist eine der bekanntesten Betrugsfiguren der letzten Jahrzehnte. Mit OneCoin versprach sie Millionen Menschen Zugang zu Reichtum, technologischer Teilhabe und finanzieller Emanzipation. Am Ende blieb ein klassisches Schneeballsystem, Milliardenverluste – und eine Frau, die bis heute verschwunden ist.
In der öffentlichen Erzählung ist der Fall eindeutig: hier die Täterin, dort die Opfer. Gier gegen Gutgläubigkeit. Betrug gegen Vertrauen. Moralisch sauber getrennt.
Genau diese Eindeutigkeit sollte misstrauisch machen.

Denn Ruja Ignatova ist nicht nur eine Betrügerin. Sie ist vor allem eines: eine ideale Projektionsfläche. Eine Person, auf die sich Schuld, Empörung und Abscheu bündeln lassen. Sie gibt dem diffusen Unbehagen einer ganzen Generation von Fehlentscheidungen ein Gesicht. Und sie entlastet damit alle anderen.
Die entscheidende Frage lautet nicht: War OneCoin Betrug weil Ruja Ignatova mit falschen Versprechen Millionen erbeutet hat. Denn klar, das war es, aber seien wir mal ehrlich, welcher Politiker macht das nicht. Und wenn wir Ruja’s Angebot ablehnen, droht uns zumindest keine Freiheitsstrafe.
Die wichtigere Frage ist: Warum haben so viele Menschen investiert – trotz Warnsignalen, trotz Intransparenz, trotz unrealistischer Versprechen?
Hier beginnt das, was der öffentliche Diskurs systematisch vermeidet.
Die Investoren handelten nicht unter Zwang. Sie wurden nicht enteignet, nicht bedroht, nicht gezwungen. Sie wollten teilnehmen. Sie wollten Rendite. Sie wollten nicht zurückbleiben. In einem Geldsystem, das Sparen bestraft und Risiko notwendig macht, ist das kein moralisches Versagen, sondern eine rationale Reaktion auf Anreize.
Fiat-Geld wirkt leise, aber nachhaltig. Inflation enteignet nicht mit einem Knall, sondern schleichend. Wer nichts tut, verliert. Wer vorsichtig ist, fällt zurück. In einem solchen Umfeld wird Hoffnung zur Strategie und Vertrauen zur Abkürzung. Prüfung kostet Zeit, Skepsis kostet Chancen. Also delegiert man Verantwortung – an Autoritäten, an Gründerfiguren, an Geschichten.
Scheitert diese Delegation, tritt Moral auf den Plan.
Dann wird nicht mehr gefragt, warum Menschen vertraut haben, sondern wie sie nur so dumm sein konnten. Oder umgekehrt: wie perfide diese Frau gewesen sein muss. Beides erfüllt denselben Zweck: Es verhindert Selbstbefragung.
Hier liegt der Kern des Problems. Moralische Verurteilung ersetzt Verantwortung.
Sie personalisiert, was strukturell ist. Sie individualisiert, was systemisch erzeugt wurde. Und sie erzeugt ein bequemes Weltbild: hier die Schuldige, dort die Betrogenen – sauber getrennt, moralisch beruhigend.
Max Stirner hätte diese Konstruktion sofort erkannt. Für ihn war Moral kein neutraler Maßstab, sondern ein Herrschaftsinstrument. Eine Idee, die über den Einzelnen gestellt wird, um Verhalten zu lenken und Verantwortung umzudeuten. Sein berühmter Satz bringt diese Radikalität auf den Punkt:
„Mir geht nichts über mich.“
Das ist keine Entschuldigung für Betrug. Aber es ist eine Zumutung an jeden, der Verantwortung abgeben will. Stirner hätte nicht gefragt, ob Ignatova böse war, sondern warum so viele bereit waren, ihr Macht über ihr Urteil zu geben. Nicht aus Naivität, sondern aus Eigeninteresse.
In diesem Licht ist Ruja Ignatova weniger Ausnahme als Symptom. Sie verkörpert die Rolle, die das System braucht: den Sündenbock. Solange es eine Person gibt, die man verurteilen kann, muss man die eigenen Entscheidungen nicht ernsthaft betrachten. Das Urteil entlastet.
Bitcoin – verstanden nicht als Heilslehre, sondern als Konzept von hartem Geld – verschiebt diesen Rahmen. Nicht moralisch, sondern funktional. Verluste sind unmittelbar. Gewinne nicht garantiert. Vertrauen ist kein Default, sondern ein Risiko. Verantwortung lässt sich nicht delegieren, nur tragen.
„Don’t trust, verify“ ist deshalb keine technische Floskel, sondern ein anderes Menschenbild. Es behandelt Menschen nicht als Schutzbedürftige, sondern als Entscheider. Fehler werden nicht moralisiert, sondern bezahlt.
Vielleicht brauchen wir weniger Empörung und mehr Ehrlichkeit. Weniger Bedürfnis nach Schuldigen und mehr Bereitschaft zur Selbstzurechnung. Nicht jeder Schaden ist ein Verbrechen. Nicht jedes Scheitern braucht einen Täter.
Und solange weiches Geld Konsequenzen verwischt, werden Urteile scharf gezogen.
Das ist Fiat.
Hinweis
Unsere Artikel dienen rein zur Aufklärung, stellen keine Anlageberatung dar und distanzieren sich von jeglichen Regressansprüchen. Kryptowährungen sind hochriskant – investieren Sie nur, was Sie verkraften können zu verlieren. Wir übernehmen keine Haftung für Schäden, die aus der Nutzung unserer Anleitungen oder Informationen entstehen. Die Nutzung erfolgt auf eigenes Risiko.
#BitcoinOnly #NostrOnly
Wir sind bewusst nicht auf zentralen Plattformen. Deshalb: Teilen ist hier Proof of Work ❤️
Unterstützen
Unterstütze unabhängigen Journalismus! Keine Werbung, kein Bullshit – nur Bitcoin.
Community
Diskutiere mit uns auf Telegram, SimpleX oder Nostr!
Workshops
Bitcoin-Workshops für Einsteiger und Aussteiger in München!
Auf Anfrage auch in deiner Stadt!
